Kernkraft-Gegner behaupten immer wieder gern, Kernkraft sei einfach „zu teuer“. Doch Studien, die diese These belegen sollen, halten wissenschaftlichen Überprüfungen nicht stand. Unser CFO Björn Peters hat das jüngste Papier vom Forum ökosoziale Marktwirtschaft (FÖS) zu den gesellschaftlichen Kosten von Kernkraft begutachtet. Sein Urteil: Junk Science.

 

Wenn Greenpeace bei einem Akteur der Öko-Szene eine Studie über die Kosten von Kernkraft in Auftrag gibt, ist das Ergebnis eigentlich klar: Die Kernkraft wird darin möglichst teuer und nutzlos erscheinen. Wird geliefert wie erwünscht, hat man eine scheinbar unabhängige Quelle, die man bequem zitieren kann. Auch Journalisten freuen sich darüber.

Der Haken: Kommt doch mal jemand auf die Idee, nachzurechnen, wird es peinlich. So auch zuletzt bei der Studie „Gesellschaftliche Kosten der Atomenergie in Deutschland“: Das Forum ökosoziale Marktwirtschaft (FÖS) berechnet darin im Auftrag von Greenpeace die gesellschaftlichen Kosten der Kernkraft. Heraus kommt ein schwindelerregender Betrag von einer Billion (1000 Milliarden) Euro.

Björn Peters, Physiker und Experte für Kraftwerksfinanzierung, und sein Co-Autor Hans Peter Musahl, Rechtsanwalt und Steuerberater, haben die Studie überprüft und fanden: Der Betrag kommt nur zustande, weil das FÖS abenteuerlichste Annahmen macht und fachliche Grundsätze über Bord wirft. Exemplarisch für die Kreativität, mit denen das FÖS Kernkraft teuer rechnet, stehen der Versicherungs- und der Rückstellungstrick.

Niemand muss Rückstellungen versteuern

So behauptet das FÖS, dass dem Steuerzahler jahrzehntelang Einnahmen entgangen seien – durch das Nicht-Besteuern des Kapitals, das die Kraftwerksbetreiber für den Rückbau ihrer Anlagen zurückgelegt hatten. Das ist grotesk, denn: Jedes Unternehmen, unabhängig davon, ob es Kernkraftwerke, Windkraft- oder sonstige Anlagen betreibt, ist gesetzlich verpflichtet, selbst für den Rückbau zu sorgen und dafür Rückstellungen zu bilden. Diese Rückstellungen sind bilanziell grundsätzlich Schulden und müssen daher nicht versteuert werden – von niemandem. Warum das FÖS glaubt, die Betreiber von Kernkraftwerken müssten hier eine Ausnahme bilden, bleibt sein Geheimnis. Jedenfalls konstruiert es an dieser Stelle Kosten in Form entgangener Einnahmen von 68 Milliarden € – aus dem blanken Nichts.

Mythos: „Kernkraftwerke sind nicht versicherbar“

Was hat nun die Kosten von 150 Milliarden innerhalb von 10 Jahren, also zwischen der ersten und der zweiten Untersuchung des FÖS, auf eine Billion Euro getrieben? Größtenteils geht das auf einen Trick zurück, der die fiktiven Kosten von Atomunfällen abbilden soll. Die Autoren behaupten willkürlich eine Schadenssumme von 348 bis 533 Milliarden Euro, die durch Versicherungen nicht gedeckt sei. Im Schadensfall müsse daher die Gesellschaft für diese Summe haften. Das ist grob irreführend, denn dieser Betrag würde gleich mehrere Tschernobyl-Ereignisse abdecken. Tatsächlich können die in deutschen Kernkraftwerken bauartbedingt aber gar nicht auftreten. Das Schlimmste, was bei uns – mit einer sehr geringen Wahrscheinlichkeit – passieren könnte, wäre eine Kernschmelze mit Zerstörung des Reaktorkerns. Radioaktivität würde aber dank des Containments nicht austreten.

Selbstverständlich sind und waren alle deutschen Kernkraftwerke jederzeit versichert – gegen alle technisch denkbaren Schäden. Nicht aber gegen physikalisch unmögliche Schäden, die einfach behauptet werden. Die Versicherungsprämien liegen daher im niedrigen zweistelligen Millionenbereich je Kraftwerk und Jahr. Sie sind im Strompreis enthalten.

Kernkraft hat einen hohen gesellschaftlichen Nutzen

Peters und Musahl zeigen eindrücklich, wie das FÖS Grundkenntnisse der Volks- und Betriebswirtschaftslehre, der Umweltökonomie, der Energiewirtschaft und der Kerntechnik ignoriert, wenn es dem höheren Zweck dient, die Kernkraft möglichst teuer und nutzlos erscheinen zu lassen.

Apropos höherer Zweck: Den Nutzen der Kernenergie erwähnt das FÖS natürlich nicht. Wäre unser Atomstrom von den 1950er Jahren bis heute durch Kohle erzeugt worden, hätte es dadurch in Deutschland ca. 137.000 vorzeitige Todesfälle durch Luftverschmutzung gegeben.

Kernkraft hat viele Jahrzehnte lang viele Millionen Tonnen Luftschadstoffe und CO₂ eingespart. Zugleich hat sie die durchschnittlichen Börsenpreise für Strom gedrückt. Das kann man, wenn man will, auch in Geld umrechnen: Der gesellschaftliche Nutzen der Kernenergie liegt dann im hohen dreistelligen Milliardenbereich, nämlich zwischen 400 und 800 Milliarden Euro.

Hier geht es zum Review in der Zeitschrift atw. Dieser Text erschien zuerst bei Nuklearia e.V.

Foto: © Marco Scisetti / Adobestock